
Aus einer Klinik in der Altstadt kommt der Anruf einer Frau, die dort
stationär wegen Magersucht in Behandlung ist. Die Ärzte haben keinen Einwand gegen eine Massage in ihrem Krankenhausbett, denn sie hat ein Verlangen nach Berührung und sie hat von der Psychoaktiven Massage gelesen.
Ich gehe zunächst zum Kennenlernen hin und auch, um eine
Vorstellung davon zu bekommen, wie eine Massage dort praktisch
umsetzbar sein könnte.
Wir unterhalten uns eine Weile, ich beantworte ihre Fragen zur PAM und zeige ihr an meinem Unterarm,
wie unterschiedlich es sich anfühlt, wenn man mit den Fingern der
anderen Hand zuerst in normal schnellem Tempo entlang streicht, dann ganz langsam. Es werden andere Nervenzellen angesprochen, die sogenannt C-taktilen. Sie wiederholt es bei sich, schaut mich mit fragendem Blick an. Dann hält sie mir ihren Arm über den Tisch: „Machen Sie´s“. Womöglich hat sie sich selbst nicht mehr richtig gespürt. Auf meine Berührung erscheint ein Leuchten in ihren Augen.
Wir vereinbaren einen Termin und ich erscheine mit den benötigten Utensilien. Durch das Fußteil des Bettes ist es nicht ganz unkompliziert die Massage auszuführen, aber es ist immerhin höhenverstellbar, das hilft.
Nach der Massage spüle ich im Bad die Aböl-Tücher aus. Zurück im Zimmer steht sie zur Verabschiedung sorgsam in ihren Bademantel gehüllt aufrecht neben dem Bett; das Fenster ist inzwischen gekippt. Von dort dringt in diesem Moment der Klang der nahe schlagenden Kirchturmuhr herein.
Sie strahlt übers ganze Gesicht und sagt, wie wunderbar die
Massage war. Außerdem macht sie mich mit erhobenem
Zeigefinger auf die Klänge aufmerksam: „Hören Sie das?“ Als
wolle sie mir sagen, wie heilig dieser Moment für sie ist – als ob
die Kirchenglocken in diesem Moment nur für sie schlagen.
Eine unvergessliche Begegnung.